Schmerlen der Gattung Schistura

 

Thomas Frank

 

Dass viele Schmerlen gesellig leben, ist etlichen Aquarianern bekannt, dass es unter den Schmerlen aber auch ausgesprochen unverträgliche Gesellen gibt, wissen schon weniger. Bekannt könnte diese Tatsache auf alle Fälle jenen Fischfreunden sein, die in ihrem Aquarium ein paar Vertreter der Gattung Schistura herumschwimmen haben. Und genau um solche Arten soll es hier gehen.

Die Gattung Schistura McClelland, 1839 könnte man mittlerweile wohl schon fast als Bachschmerlen-Sammel-Gattung bezeichnen, sie umfasst derzeit ca. 150 anerkannte Arten. Regelmäßig werden neue Arten entdeckt, so dass die Artenzahl noch weiter steigen wird, vermutlich bis die Gattung einer Revision unterzogen wird.

Immer wieder tauchen derartige Schmerlen im Handel auf, nur sollte man vor der Anschaffung bedenken, dass diese Fische ganz bestimmte Anforderungen an ihr Aquarium stellen. Werden ihre Ansprüche nicht erfüllt, wird man nicht viel Freude an den Fischen haben. Im Gegenteil, unter Umständen sogar eine ganze Menge Ärger. Ein fischgerechtes Schmerlenbecken fängt schon mit der Einrichtung an, in einem Gesellschaftsaquarium sind sie schlecht untergebracht. Ihr Zuhause sollte sehr stark strukturiert sein, oder anders ausgedrückt, ziemlich unordentlich. Der größte Teil des Bodens sollte mit Steinen verschiedener Größe, Wurzeln und eventuell Pflanzen verbaut werden. Da die meisten Schistura-Arten deutliche innerartliche Aggressionen zeigen, sind sehr viele Verstecke nötig, damit sich die Fische vor ihren Artgenossen zurückziehen können. Bei einer derartigen Einrichtung entstehen diese benötigten Verstecke natürlich ganz automatisch. Als Beispiel (Bild 2) eines meiner Bachschmerlenaquarien (100 x 40 x 40 cm).

 


 

Bis auf die, im Vordergrund sichtbaren Sandflächen, ist der komplette Boden mit Steinen belegt, auf die dann noch mit Javafarn und Javamoos bepflanzte Wurzeln gesetzt wurden. So entstehen auch Versteckmöglichkeiten in der zweiten Etage, die ebenfalls von den Schmerlen aufgesucht werden.

Ich bin dazu übergegangen, diese Bachschmerlen nur noch in Artbecken zu pflegen und auf eigentlich gut geeignete Bärblinge als Beifische zu verzichten. Schistura sind nämlich nicht nur innerartlich unfreundlich, sondern oft auch außerartlich. Es gibt zwar auch Arten die etwas umgänglicher sind was die Beifische betrifft, aber wenn man die Art nicht kennt (und das ist bei denen im Handel erhältlichen ziemlich oft der Fall) ist man auf eigene Experimente angewiesen. Solche sollte man nur machen, wenn man Ausweichaquarien zur Verfügung hat. Bei mir war bisher nur eine Art so friedlich, dass einige Glüchtlichtbärblinge, Danio choprae, unbehelligt im gleichen Aquarium leben konnten. Bei fast allen anderen gepflegten Arten waren nach wenigen Tagen bereits die Flossen der Bärblinge beschädigt, so dass ich sie wieder ausquartiert habe.


Bei der oben abgebildeten Art gelang die Vergesellschaftung zusammen mit Zollingers Plattschmerlen Homaloptera zollingeri und Danio choprae. Diese Schmerlen sind als Schistura balteata 1 in den Handel gekommen, sie gehören aber mit Sicherheit einer anderen Art an, nur welcher war bisher von mir nicht herauszufinden. Interessanterweise variiert die Zahl der senkrechten Streifen von Tier zu Tier. Bei einem Exemplar scheinen sie völlig zu fehlen.

 


Diese, erst vor wenigen Jahren entdeckten und meines Wissens bis zum heutigen Zeitpunkt noch nicht beschriebenen Schmerlen, waren weniger gut geeignet um mit anderen Fischen zusammen gepflegt zu werden. Wann immer ein Bärbling zu dicht am Versteck der Schmerle vorbei schwamm, kam sie herausgeschossen und vertrieb ihn. Ansonsten wurden Beifische weitestgehend ignoriert, was eine Vergesellschaftung mit Abstrichen möglich machte. Harmonisch war das Zusammenleben der Fische aber nicht. Karpfenschmerlen der Gattung Homaloptera wurden nicht beachtet, sind aber aufgrund ihrer langsameren Nahrungsaufnahme nur bedingt für die Vergesellschaftung mit den flinken Bachschmerlen geeignet. Das gleiche gilt für die Flossensauger, die der Nahrungskonkurrenz noch weniger gewachsen sind als die Karpfenschmerlen.

 


Diese, nach bis jetzt vierjähriger Pflege nur auf ca. 5-6 cm herangewachsenen Bachschmerlen, sind die Schlimmsten von allen bei mir lebenden Schmerlen. Sie schrecken auch nicht davor zurück im Freiwasser Jagd auf Bärblinge zu machen und scheuchen diese häufig herum. Wobei ich bei dieser Art nicht sagen kann, ob es überhaupt Vertreter der Gattung Schistura sind, oder ob sie zu den Nemacheilus-Arten gehören.

 

Nach so viel Negativwerbung jetzt aber auch mal ein paar positive Eigenschaften dieser Fische: Sie sind oft sehr schön und je nach Art durchaus farbig. Obwohl, wie bei vielen Schmerlen, grau die dominante Farbe ist, besitzen viele Arten z. B. rote Schwanzflossen und/oder hübsche Streifenzeichnungen oder Marmorierungen. Sie sind absolut unproblematisch bei der Ernährung, obwohl es sich bei den Schmerlen eigentlich immer um Wildfänge handelt, gehen sie nach sehr kurzer Zeit auch an Futtertabletten und das mit offensichtlicher Begeisterung. Durch ihre Wendigkeit sind sie nicht darauf angewiesen, dass das gereichte Futter zu Boden sinkt, sondern sie bedienen sich ohne Schwierigkeiten im Freiwasser. Ich gebe das Futter immer direkt vor den Pumpenausfluss, so wird es im ganzen Aquarium verteilt. Das hat den Vorteil, dass das Futter auch bei scheueren Individuen ankommt.

 


Eine Vergesellschaftung mit den so genannten „Amano-Garnelen“ ist völlig problemlos. Ob es auch mit kleineren Garnelenarten funktionieren würde, weiß ich nicht, vermute aber dass diese verspeist werden könnten. Schnecken haben in der Gesellschaft solcher Schmerlen natürlich keine Überlebenschance, und man sollte in einem Bachschmerlenaquarium keine Schnecken einsetzen, die man eigentlich behalten möchte, wie z. B. Apfelschnecken. Ist die Schnecke nämlich zu groß um sie am Stück zu fressen, dann werden kleinere Stücke herausgebissen.

Auf eine Beheizung des Aquariums kann und sollte verzichtet werden, sofern das Aquarium im Winter in einem nicht zu kalt werdenden Raum steht. Im Winter sinkt in meinem Bachschmerlenaquarium die Temperatur auf bis zu 16 °C ab, und es schadet den Fischen genauso wenig wie die in heißen Sommern erreichten Spitzentemperaturen von bis zu 30 °C. Selbst ein Winterwochenende bei nur 9 °C haben alle überlebt, Aktivität zeigen sie allerdings bei solch niedrigen Temperaturen keine mehr. Das Aquarium wirkte wie ausgestorben und ich fürchtete schon wegen einer Unachtsamkeit (Heizung nicht wieder eingesteckt) alle Schmerlen verloren zu haben. Aber nachdem die Heizung wieder lief und sich das Wasser langsam erwärmte, tauchte eine nach der anderen wieder auf.

Dem Aquarienwasser braucht auch keine besondere Beachtung geschenkt werden, von leicht sauer bis alkalisch (pH-Wert 6,5-8,0), von weich bis hart (4-16 °dGH), wird von den Schmerlen alles sehr gut vertragen. Da oft weder der genaue Name, noch das Fanggewässer bekannt ist, ist es schwierig genauere Wasserwerte anzugeben. Umso besser ist es, dass sie in dem Punkt nicht sonderlich wählerisch sind. Alles in allem eigentlich durchaus unkomplizierte Aquarienbewohner mit ein paar Einschränkungen, es sind eben längst nicht alle Schmerlen gesellige Gruppenfische, auch wenn diese Meinung häufig geäußert wird.

 

Anmerkungen:

1 Schistura balteata hat keinen schwarzen Schwanzstielstrich und nur 2 bis 3 Querbinden. Meine als Schistura balteata gekauften Schmerlen haben alle diesen Schwanzstielstrich (ist auf dem Foto leider verdeckt) und, wie man auf dem Bild 1&xnbsp; sieht, deutlich mehr Querbinden. Schistura balteata sieht eher aus wie die zweite (noch unbeschriebene) Schmerle im Bild 2 darunter aus. Deswegen der bisherige Name Schistura sp. aff. balteata (sp. aff. = ähnliche Art).

 

In leicht veränderter Form bereits erschienen im Online-Aquarium-Magazin 11/06 www.aquariummagazin.de und im BSSW-Report 01/07 www.bssw-online.de